Kurze Geschichte der Handchirurgie

Baron Guillaume Dupuytren (1777-1835), hervorragender Pathologe und Leibchirurg Ludwigs XVIII. und Karl X. wirkte in seiner Zeit am Hotel- Dieu in Paris. Sein Name ist mit der modernen Handchirurgie verflochten wie sonst kaum ein anderer. Er beschrieb als erster eine strang- und knotenartige Erkrankung des Bindegewebes in der Hohlhand und erste Therapieansätze.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gelang es dem englischen Chirurgen Lister durch die Carbolsäure-Vernebelung Operationen mit deutlich gemindertem Infektionsrisiko durchzuführen. Die Asepsis chirurgischer Eingriffe war geboren.
Als Grundvoraussetzung für erfolgreiche handchirurgische Eingriffe, gilt die von Esmarch (1823-1908) erforschte und praktizierte Arm-Blutleere sowie die Entwicklung der Narkose.

In Folge der Schmerzfreiheit des Patienten, der genaueren Kenntnis der Anatomie sowie Operationsbedingungen ohne Blutung, kam es zu einer rasanten Entwicklung der operativen Eingriffe an der Hand und insbesondere an den Sehnen.

Die Entwicklung der „Spezialdisziplin Handchirurgie“ begann Anfang des letzten Jahrhunderts, als sich amerikanische Chirurgen wie Allen Bruckner, Kanavel und Sterling Bunnell mit speziellen Fragen der Handchirurgie zu beschäftigen begannen. In Frankreich hatte 1930 Marc Iselin in Enterre eine eigene handchirurgische Schule gegründet. 1946 wurde in den Vereinigten Staaten die erste handchirurgische Gesellschaft gegründet, deren Präsident Sterling Bunnell war.
Mit Hilfe von Kanavels Studien wurden schon damals die Eintrittspforten und Ausbreitungsbahnen einer Infektion an der Hand definiert und die Notwendigkeit der chirurgischen Behandlung festgelegt, die in den Grundzügen noch heute Bedeutung hat.
Nicht selten war damals eine solche Infektion an der Hand Auslöser für eine lebensbedrohliche Sepsis (Blutvergiftung).
Neben der Behandlung bestehender Infektionen, war es ein bedeutender Meilenstein in der Geschichte der Handchirurgie, als erstmals eine primäre Wundversorgung bei einer offenen Verletzung an der Hand durchgeführt wurde (Krömer 1938 in Wien).

Bereits sehr früh erkannten die Handspezialisten die Bedeutung der dynamischen  Immobillisation (Ruhigstellung, bei der dennoch Bewegung möglich ist, z.B. bei rekonstruierten Beugesehnen ), der frühfunktionellen Nachbehandlung sowie die Wichtigkeit der atraumatischen (gewebeschonenden) Operationstechnik.
   
Als erste europäische handchirurgische Vereinigung wurde 1951 der skandinavische Handclub unter Erik Moberg gegründet. In England waren es 1952 Stack und Pulvertaft, die den ersten und später den zweiten Handclub gegründet haben. Sie wurden häufig von deutschsprachigen Handchirurgen besucht und hatten dadurch einen wesentlichen Einfluss auf die Handchirurgie des europäischen Festlandes.

Wesentliche Dienste für den deutschsprachigen Raum hat sich Dieter Buck-Gramcko aus Hamburg erworben. Er gründete 1959 den handchirurgischen Literaturzirkel. Durch die Verbreitung von fachspezifischen Artikeln, insbesondere aus dem Ausland, bei handchirurgisch interessierten Kollegen wurde die Weiterbildung gefördert. Die erste handchirurgische Tagung  im deutschsprachigen Raum fand im Oktober 1960 in Hamburg bei Buck-Gramcko statt. Etwa zwei Jahre später wurde die deutschsprachige Arbeitsgemeinschaft für Handchirurgie gegründet.
Im Unfallkrankenhaus Hamburg-Bergedorf entstand unter Buck-Gramcko 1963 die erste deutschsprachige Abteilung für Handchirurgie. Durch den Trend zur Spezialisierung wuchs die Mitgliederzahl in der deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft von Jahr zu Jahr und umfasste zuletzt einen Mitgliederstand von etwa 600 Ärzten. Dieter Buck-Gramcko lenkte die Geschicke der Gesellschaft bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1993.
Die besonderen Verdienste von Dieter Buck-Gramko liegen in der Klassifikation von angeborenen Handfehlbildungen und deren Therapie sowie die Entwicklung einer Operationsmethode zum Daumenersatz (bei Verlust) durch den Zeigefinger, sog. Zeigefinger-Pollizisation.

Die erste Transplantation einer Hand wurde 1964 in Ecuador durchgeführt. Jedoch erfolgte nach 2 Wochen die Abstoßung.
1999 gelang die erste erfolgreiche Handtransplantation mit anhaltendem Erfolg einem amerikanischen Ärzteteam der Universität in Louisville.


Unterarmtransplantation vorher


Unterarmtransplantation nachher


Unterarmtransplantation nachher
Erfolgreiche Operation einer beidseitigen Unterarmtransplantation.

Als weitere Pioniere der Handchirurgie sind zu nennen:

Walter Blauth: Klassifikationen zur Diagnostik von Handfehlbildungen, Pollizisation
Jörn Böhler: Gründungsmitglied der Deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft für
Handchirurgie (DAH)
Joe Boyes: Sehnenchirurgie, Beugesehnentransplantation
Harold Earl Kleinert: Handverletzungen, mikrochirurgische Lappenplastiken
Beugesehnenchirurgie mit dynamischer Nachbehandlung (Kleinert-Schiene)
Hans Landsmeer: Funktion und Anatomie der Hand
James William Littler: Wiederherstellungstechniken an Händen und Armen, zahlreiche anatomische Zeichnungen sowie Studien zur Handfunktion
Hanno Millesi: Chirurgie der peripheren Nerven, Plexuschirurgie, Mikrochirurgie, Bindegewebsforschung (Morbus Dupuytren)
Eric Moberg: Rheumachirurgie, Prothetische Versorgung an der Hand, rekonstruktive Chirurgie bei Lähmungen
Robert Guy Pulvertaft: Beugesehnentransplantationen u.v.m.
Alfred Bertil Swanson: Ersatz der Fingergelenke (Swansonprothesen, Titanprothesen)
Kenya Tsuge: Universaler Handchirurg in Japan
Harold Kirk Watson: Frühmobilisation nach Handoperationen
Albrecht Wilhelm: Präparatorische Arbeiten zur Handanatomie, Begründung neuer Operationsmethoden

 
 Die Liste ist unvollständig  (Quelle: Ein Leben für die Handchirurgie, Dieter Buck-Gramcko, Steinkopfverlag